© St. Marienkirche Göttingen
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St. Marienkirche Göttingen

Angedacht

Sun, 26 Jul 2020 06:59:40 +0000 von Angelika Wegner

Liebe Leser*innen,

ich möchte die aktuelle politische und gesellschaftliche Diskussion um „Black Lives Matter“ zum Anlass nehmen, um in dem aktuellen Gemeindebrief (08+09/2020) eine kleine Andacht zu schreiben. Als Leitspruch habe ich hierfür einen Vers aus dem Galaterbrief gewählt, in dem es heißt: Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus. (Galaterbrief 3 Vers 28).

Der Apostel Paulus schreibt diesen Vers an die Gemeinde in Galater, weil es dort zu Streitigkeiten hinsichtlich der Tischgemeinschaft gekommen war. Sogenannte „Judenchristen“, d.h. Christen, die vorher ihrer Konversion zum Christentum Juden waren, beharrten darauf, nicht mit Menschen, die vorher der römischen Staatsreligion oder anderen paganen Religionen angehörten, an einem Tisch zu sitzen. So kam es zu Streit, ob eine Tischgemeinschaft von der Heiligen Schrift her erlaubt sei oder nicht. Paulus sieht durch diesen Streit die Einheit der noch jungen Gemeinde gefährdet und sieht sich deshalb dazu veranlasst, den Galaterbrief zu schreiben. Für ihn ist klar, dass eine Trennung zwischen ehemaligen Juden und Heiden nur zu Spaltungen und Diskriminierungen führen kann. Aus diesem Grund beharrt er darauf, dass es neben der Taufe und den Glauben an Christus keine weitere Bedingungen für die Zu-gehörigkeit der Gemeinde geben kann. „Denn ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus“, so schreibt er in den Sätzen davor. Und als Kinder Gottes seid ihr Geschwister und damit alle gleich.

Auch wenn es im Galaterbrief „nur“ um das Thema der Tischgemeinschaft geht, so lesen sich diese Verse ziemlich aktuell. Rassismus scheint nur auf den ersten Blick weit weg und vor allem in den USA ein Problem. Doch bei genauerem Hinschauen wird deutlich, wie stark auch hier in Deutschland Herkunft, Hautfarbe und Aussehen eine Rolle spielen.

So versuchen politische wie gesellschaftliche Akteure Identität durch Herkunft zu definieren und wollen Ahnenforschung betreiben, ob Straftäter möglicherweise einen Migrationshintergrund haben. Andernorts werden sensible Daten von Polizeicomputern abgerufen, um rechte Drohungen zu verschicken.

Doch nicht nur im Großen, auch im kleinen, im Alltäglichen ertappe auch ich mich immer wieder bei dem ein oder anderen Gedanken, der zwar auf den ersten Blick harmlos erscheint, bei näherer Betrachtung aber auch ausgrenzend zumutet.

Es ist, wie ich finde, auch gerade unsere Aufgabe als Christen und Kirche, auf rassistische und fremdenfeindliche Motive und Strömungen hinzuweisen und diesen entschieden entgegenzutreten. Und diese Fürsorge richtet sich an alle Menschen und nicht exklusiv an irgendeine Gruppe. Denn auch wenn heute nicht (mehr) alle Menschen Christen sind, so sind sie doch alle Kinder Gottes. Und als Kinder Gottes ist es unsere Aufgabe dafür zu sorgen, dass diese Kindschaft nicht dem einen zu-, und dem anderen abgesprochen wird.

Ihr Friedrich Uhlhorn, Vikar
Quelle: St. Marienkirche Göttingen
BlackLivesMatter